Neue Gentechnik-Verfahren

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Albert Mages, Münsingen, 21.02.2018

Neue Gentechnik-Verfahren

Eine kritische Auseinandersetzung mit den neuen Gentechnikverfahren, im speziellen mit CRISPR-Cas9 -Vortrag mit Christof Potthof

 

Scheinbar hat die Gentechnik in den letzten Jahren einen wahren Boom erlebt, zumindest in den Köpfen und den Laboren der Wissenschaft. Auch die Agrar- und Biotechnologie- Industrie ist bereits in den Startschuhen. Einen großen Anteil tragen die neuen Gentechnik-Verfahren, unter anderem in Form von CRISPR–Cas9 bei.

Daher hatten sowohl die Volkshochschulen aus Metzingen und Münsingen, der Arbeitskreis Gentechnik-Freies Metzingen und die Greenpeace-Gruppe Münsingen in dem Diplom-Biologen Christof Potthof, vom Genethischen Netzwerk Berlin, einen Experten im Bereich Gentechnik in Landwirtschaft und Lebensmitteln zu diesem Abend nach Münsingen eingeladen.

Mit einem kurzen Aufriss aus der Geschichte der Pflanzenzüchtung führte Christoff Potthof ausgehend von der klassischen Gentechnik mittels Agrobacterium, Genkanone und anhand der Freisetzungsrichtlinie 2001/18/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 12. März 2001 in die Begrifflichkeiten der bestehenden und der neuen Gentechnik-Verfahren ein. Der Vorteil der neuen Gentechnikverfahren CRISPR-Cas9 mit der „Gen-Schere“ ist, dass die Wissenschaft nun wesentlich gezielter und sequenzieller genetische Veränderungen durchführen kann. Anschaulich erklärt der Diplom-Biologe die durchzuführenden Veränderungen von Genen und Genomen anhand der Überarbeitung eines Textes mittels eines Texteditors, mit dem automatisch Worte komplett oder nur Buchstaben geändert werden können. Die Wissenschaft und die Industrie hoffen dadurch die gewünschte Funktionalität einfacher und mit geringeren Kosten als bisher erreichen zu können.

Analog zum Texteditor kommt es in der Gentechnik vor, dass angegebene Aufgabe nicht vollständig vorgegeben werden und so Fehler bei der Ausführung auftreten. So zeigt Potthof die aktuell im Brennpunkt stehenden Kontroversen Diskussionspunkte in seinem Vortrag auf. Der zentrale Ansatz ist hierbei, dass bestehende Gesetze und Regelungen zur Gentechnik auch für die neuen Verfahren gelten und für diese aktualisiert werden sollten, noch ehe die Agrar- und Biotechnologie Industrie unwiderrufliche Fakten geschaffen haben. Die Konzerne wollen diese Integration nicht, um zum Bsp. der Kennzeichnungspflicht bei den Lebensmitteln nicht nachkommen zu müssen, zum Nachteil der Verbraucher.

 „Nach Lehrbuchwissen wäre die CRISPR-Technik hier jetzt ganz einfach anzuwenden, aber wir kämpfen doch schon ein Jahr darum, optimale CRISPR-Pflanzen herzustellen. Das ist dann doch in der Realität gar nicht so einfach, wie man das erwartet“ zitiert Hr. Potthof einen Satz den Herr Professor Kogel von der Uni Gießen im Deutschlandfunk äußerte.

Auch der deutsche Ethikrat sowie viele Umweltverbände warnen vor zu vielen offenen Fragen, die zuletzt zu Lasten der Umwelt und der Verbraucher gingen.

Die Konzerne, so Potthof, begründen die Ablehnung der Zuordnung zur Gentechnik, mit dem ähnlichen Verhalten wie bei der ursprünglichen „Mutationszüchtung“: Mutationen können spontan in der Natur auftreten, dabei werden keine neuen oder fremden Gene hinzugefügt, und sind somit auch nicht nachweisbar. Beim Gen-Editing wird direkt auf der Ebene des Erbguts eingegriffen. Dabei wird nicht versucht die genetische Vielfalt zu erhöhen, sondern möglichst gezielt bestimmte Änderungen herbeizuführen. Auch wenn hierbei keine neuen Gene eingefügt werden, sind nicht nur die Verfahren, sondern auch die Ergebnisse und damit verbundene Risiken oft deutlich von denen der konventionellen Züchtung verschieden. Der Begriff „Gen-Chirurgie“ ist irreführend, so Potthof. Auch bei den neuen Gentechnikverfahren wurden unerwartete Effekte beobachtet, wenn auch in geringerem Maße als bei den alten Verfahren.

Auf den Hinweis einer Besucherin, wir hätten in Europa und in Deutschland doch das Vorsorgeprinzip zum Schutz der Bürger, konnte der Biologe mit dem Desinteresse der Konzerne antworten; „Vorsorge hindert uns bei der Entwicklung neuer Produkte“ ist eine Aussage aus dem Industriezweig. Hier zeigt die Lobby-Arbeit der Agrar- und Bio-industrie bereits Wirkung. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA und ForscherInnen in EU-geförderten Projekten plädieren für eine Lockerung der Risikoabschätzung gentechnisch veränderter Pflanzen. Testbiotech, ein Institut für unabhängige Folgenabschätzung in der Biotechnologie, verweist auf die Schwächen des aktuellen Systems und tritt für eine entschiedenere Regulierung ein.

In einem Beispiel zeigt Potthof, dass amerikanische Firmen diese Bedenken nicht teilen. Dort wurde eine neue Rapssorte mit Resistenz gegen ein Unkrautvernichtungsmittel entwickelt. Dieser „Cibus-Raps“ wurde mittels künstlich hergestellte DNA-Schnipsel im Verfahren der „Oligonukleotid gerichtete Mutagenese“ geändert und darf ohne Kontrolle und ohne spätere Kennzeichnung angebaut werden – bedenkenlos hatte das US-Agrarministerium diesen als „Nicht-Gentechnik“ eingestuft. Auch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hat bereits einem Freilandversuch zugestimmt, während Kritiker diese Versuche noch ablehnen. Mit seiner Klage vor dem Braunschweiger Landgericht will das Gen-ethische Netzwerk erreichen, dass auch diese Formen der Gentechnik in die bestehenden Regularien aufgenommen werden. Der Fall in Braunschweig ruht derzeit in Erwartung des Urteils zu einem französischen Fall vor dem Europäischen Gerichtshof.

Bei diesem haben zwei französische Anti-Gentechnik-Organisationen 2015 gemeinsam gegen einen Artikel des französischen Umweltgesetzes geklagt, in dem mit Genome Editing erzeugte Organismen nicht als GVO eingestuft werden. Doch ob das mit den europaweit geltenden Gentechnik-Gesetzen der EU vereinbar ist, wollten die französischen Richter nicht national entscheiden und leiteten den Fall an den Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg weiter. „Grundsätzlich ist wegen der Tragweite der Entscheidung ein Urteil auf europäischer Ebene begrüßenswert“, so Potthoff. 

Bei der lebhaft aufkommenden „Was wäre wenn“- Diskussion verwahrte sich der Diplom-Biologe, gegen mögliche Szenarien Spekulativer Art wie angesprochen. Diese Technologie könne sich auch zu einem späteren Zeitpunkt als verwendbare Variante erweisen, doch zum aktuellen Zeitpunkt wisse man noch zu wenig von den Vorgängen und etwaigen Folgen. Daher sei es sinnvoll und nützlich, wenn die entsprechende Industrie die Vorgänge und offen legen würde um diese besser bewerten zu können. Dies würde auch dem Vorsorgegedanken entgegenkommen.   

Um eine gentechnische Veränderung einer DNA auf ungewollte Abweichungen zu überprüfen, sollte die DNA nicht nur an der Stelle des Eingriffs, sondern komplette betrachtet werden. Dies ist derzeit jedoch noch sehr aufwändig und wird nicht verfolgt. Analog zum französischen Vorstoß werden die neuen Gentechnik-Verfahren derzeit auch bei uns nicht als Gentechnik eingestuft. Die Begründung ist wie zuvor beschrieben, dass die genetischen Veränderungen auch auf natürlichem Wege erfolgen könnten.

Im Allgemeinen stellen sich Umweltschutzgruppierungen wie der BUND, Greenpeace, und viele andere auch, auf den Standpunkt, dass die neuen Verfahren naturwissenschaftlich als Gentechnik einzustufen sind. Die Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft AbL äußert sich im Febr.2016 dazu, „dass viel zu wenig über die mittel- und langfristigen Folgen der Techniken, sowohl im veränderten Organismus, als auch in der Interaktion mit Umwelt oder in der Nahrungskette bekannt ist. Allein aus Vorsorgegründen dürfen die, mit den neuen Gentechniken erzeugten Pflanzen, nicht einfach freigesetzt werden, sondern sind als Gentechnik-Verfahren einzustufen, zu bewerten und zu regulieren“. Anhand vorläufiger Äußerungen des Generalanwaltes des EuGHs zeigt sich, dass noch große Differenzen in der Wahrnehmung zur Erstellung und Nutzung der neuen Gentechnikverfahren gibt. 

Dabei liegen- wie zuvor hingewiesen- die Risiken auf der Hand:
bisher wurden wenige konkrete Pflanzen, für die Nutzung in der Landwirtschaft und Lebensmittel-Produktion die mit einem neuen Gentechnik-Verfahren hergestellt worden sind bekannt bzw. umfassend untersucht. Hier sind Zulassung, Kennzeichnung, Rückverfolgbarkeit oder Monitoring notwendig um früher Risiken zu erkennen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.
Grundsätzlich sind mit den neuen Gentechnik-Verfahren deutlich umfassendere Veränderungen möglich. Jedoch bekommen wir die Pflanzen ohne Gentechnik-Regulierung nicht zu sehen. Daher können wir uns nicht dafür oder dagegen entscheiden, so Potthof.

In einem Statement teilt der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Reutlingen Gebhard Aierstock mit, dass sich der Kreis Reutlingen für Gentechnikfrei erklärt und die Mitglieder aus Überzeugung sich bereits seit 2004 zu einem Gentechnik- freien Anbau verpflichtet haben.